In vielen Familien gehören mehrere Sprachen ganz selbstverständlich zum Alltag. Mama spricht vielleicht Polnisch, Papa Deutsch, die Großeltern Russisch und im Kindergarten kommen weitere sprachliche Begegnungen hinzu. Für Kinder kann das eine große Bereicherung sein. Sie wachsen mit unterschiedlichen Sprachen, Klängen und Ausdrucksmöglichkeiten auf und lernen, sich in verschiedenen sprachlichen Welten zurechtzufinden.

Gleichzeitig beschäftigen viele Eltern Fragen: Überfordert es mein Kind, wenn es mehrere Sprachen gleichzeitig lernt? Sollte ich zu Hause lieber Deutsch sprechen? Ist es normal, wenn mein Kind die Sprachen vermischt? Und woran erkenne ich, ob die Sprachentwicklung altersgerecht verläuft?

Die gute Nachricht vorweg: Mehrsprachigkeit ist keine Ursache für eine Sprachentwicklungsstörung. Kinder können grundsätzlich problemlos mit mehreren Sprachen aufwachsen. Wichtig sind eine anregende sprachliche Umgebung, ausreichend Gelegenheit zur Kommunikation und ein liebevoller Umgang mit allen Sprachen des Kindes.

Wie lernen Kinder mehrere Sprachen?

Kinder können mehrere Sprachen gleichzeitig oder zeitlich versetzt erwerben.

Beim sogenannten simultanen Spracherwerb begegnen sie von Anfang an zwei oder mehr Sprachen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn die Eltern unterschiedliche Muttersprachen sprechen und beide regelmäßig mit dem Kind kommunizieren.

Beim sukzessiven Spracherwerb kommt eine weitere Sprache erst später hinzu. Das kann beispielsweise mit dem Eintritt in die Kindertagesstätte geschehen, wenn ein Kind zu Hause überwiegend eine andere Sprache spricht und dort erstmals intensiver mit Deutsch in Kontakt kommt.

Beide Formen des Spracherwerbs sind natürliche Entwicklungswege.

Dabei entwickelt sich nicht jede Sprache unbedingt gleich schnell. Ein Kind kann beispielsweise einen besonders großen Wortschatz in der Familiensprache haben, während es bestimmte Begriffe aus dem Kindergarten bereits besser auf Deutsch kennt. Auch die Sicherheit im Sprechen und Verstehen kann sich zwischen den Sprachen unterscheiden.

Das ist zunächst kein Grund zur Sorge. Entscheidend ist die gesamte sprachliche Entwicklung des Kindes und nicht allein die Betrachtung einer einzelnen Sprache.

Mehrere Sprachen – eine große Chance

Mehrsprachigkeit eröffnet Kindern viele Möglichkeiten. Sie lernen, unterschiedliche Sprachsysteme wahrzunehmen, zwischen Sprachen zu wechseln und sich auf verschiedene Gesprächspartner und Situationen einzustellen.

Sie können Beziehungen zu Familienmitgliedern aufbauen, die unterschiedliche Sprachen sprechen, und erhalten Zugang zu verschiedenen kulturellen Lebenswelten.

Auch im späteren Leben können mehrere Sprachen eine wertvolle Ressource sein – im persönlichen Umfeld, in der Ausbildung und im Beruf.

Dabei sollte Mehrsprachigkeit nicht als zusätzliche Leistung verstanden werden, die Kinder möglichst früh und perfekt erbringen müssen. Jede Sprache darf sich in ihrem eigenen Tempo entwickeln. Viel wichtiger als ein möglichst früher oder umfangreicher Wortschatz ist die Freude an Kommunikation und die Möglichkeit, Sprache im Alltag aktiv zu erleben.

Sollten Eltern zu Hause Deutsch sprechen?

Eine der häufigsten Fragen mehrsprachiger Eltern lautet: Sollten wir zu Hause lieber Deutsch sprechen, damit unser Kind in der Kita und später in der Schule keine Schwierigkeiten hat?

Meine Empfehlung ist: Sprechen Sie mit Ihrem Kind in der Sprache, in der Sie sich selbst am sichersten und natürlichsten ausdrücken können.

Sprache ist schließlich viel mehr als das Vermitteln einzelner Wörter. Über Sprache werden Gefühle ausgedrückt, Erlebnisse geteilt, Konflikte gelöst, Geschichten erzählt und Beziehungen gestaltet.

Wenn Eltern ihre eigene Sprache gut beherrschen, können sie ihrem Kind ein differenziertes und lebendiges Sprachvorbild bieten. Sie können Nuancen vermitteln, spontan auf Fragen eingehen und sich emotional authentisch ausdrücken.

Eine gut entwickelte Familiensprache kann außerdem eine wichtige Grundlage für den Erwerb weiterer Sprachen sein. Sprachliche Erfahrungen und bereits erworbene Fähigkeiten können beim Lernen einer weiteren Sprache genutzt werden.

Deshalb müssen Eltern ihre Muttersprache nicht zugunsten des Deutschen aufgeben. Im Gegenteil: Sie dürfen und sollten diese Sprache mit ihrem Kind lebendig halten.

Ist es normal, wenn Kinder Sprachen vermischen?

Ja! Viele mehrsprachige Kinder verwenden zeitweise Wörter aus unterschiedlichen Sprachen innerhalb eines Satzes oder wechseln während eines Gesprächs zwischen den Sprachen.

Dieses Phänomen wird als Sprachmischung oder Code-Switching bezeichnet.

Ein Kind sagt beispielsweise: „Mama, wo ist mein Schuh? Ich finde ihn nicht.“

Es verwendet dabei vielleicht einzelne Wörter aus der Familiensprache und ergänzt sie durch deutsche Begriffe. Das bedeutet nicht, dass es die Sprachen nicht auseinanderhalten kann.

Kinder nutzen häufig die Wörter und sprachlichen Strukturen, die ihnen in einer bestimmten Situation gerade zur Verfügung stehen. Auch Erwachsene wechseln übrigens je nach Gesprächspartner und Situation zwischen Sprachen.

Mit zunehmender Sprachsicherheit lernen Kinder immer besser, ihre Sprachen an Gesprächspartner und Situationen anzupassen. Sprachmischungen sind daher für sich genommen kein Hinweis auf eine Sprachentwicklungsstörung.

Braucht jede Sprache eine feste Person?

Vielleicht kennen Sie die Empfehlung „Eine Person – eine Sprache“. Dabei spricht beispielsweise die Mutter konsequent ihre Muttersprache und der Vater eine andere Sprache mit dem Kind.

Das kann eine hilfreiche Möglichkeit sein, mehrere Sprachen im Familienalltag zu etablieren. Es ist aber keine zwingende Voraussetzung für eine gelungene mehrsprachige Entwicklung.

Familien dürfen ihre eigenen Sprachgewohnheiten entwickeln. Manche sprechen je nach Person unterschiedliche Sprachen, andere wechseln situationsabhängig oder verwenden mehrere Sprachen gemeinsam.

Wichtiger als eine starre Regel ist, dass das Kind ausreichend Gelegenheit bekommt, jede Sprache zu hören, zu verstehen und selbst anzuwenden.

Wie können Eltern die mehrsprachige Entwicklung unterstützen?

Die beste Sprachförderung findet häufig ganz nebenbei im Alltag statt. Es braucht keinen zusätzlichen Sprachunterricht und keine ständigen Übungen.

Einige Anregungen:

  • Sprechen Sie viel miteinander: Begleiten Sie Alltagssituationen sprachlich, erzählen Sie von Erlebnissen und nehmen Sie sich Zeit für Gespräche.
  • Lesen Sie gemeinsam Bücher: Bilderbücher in unterschiedlichen Sprachen erweitern den Wortschatz und schaffen gemeinsame Gesprächsanlässe.
  • Singen und spielen Sie: Kinderreime, Lieder, Fingerspiele und Rollenspiele vermitteln Sprache auf natürliche und spielerische Weise.
  • Ermöglichen Sie Begegnungen: Kontakte zu anderen Kindern und Menschen, die die jeweilige Sprache sprechen, bieten wertvolle Gelegenheiten zur Kommunikation.
  • Wertschätzen Sie alle Sprachen: Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass jede seiner Sprachen wichtig ist und zu ihm gehört.
  • Üben Sie keinen Druck aus: Kinder müssen nicht auf Aufforderung sprechen oder Wörter in jeder Sprache übersetzen können. Geben Sie ihnen Zeit und Gelegenheit, sich mitzuteilen.

Gerade wenn eine Sprache im Alltag weniger präsent ist, lohnt es sich, bewusst Räume zu schaffen, in denen sie gesprochen und erlebt werden kann.

Wann sollte man genauer hinschauen?

Auch mehrsprachig aufwachsende Kinder können Schwierigkeiten beim Spracherwerb entwickeln. Eine Sprachentwicklungsstörung wird nicht durch die Mehrsprachigkeit verursacht, kann aber unabhängig davon auftreten.

Wichtig ist, Auffälligkeiten nicht vorschnell mit dem Aufwachsen in mehreren Sprachen zu erklären.

Hinweise auf eine mögliche Sprachentwicklungsstörung können beispielsweise sein:

  • Das Kind hat in allen seinen Sprachen Schwierigkeiten, sich sprachlich mitzuteilen.
  • Es versteht altersentsprechende Aufforderungen und Zusammenhänge nur eingeschränkt.
  • Der Wortschatz entwickelt sich über längere Zeit nur wenig weiter.
  • Das Kind hat Schwierigkeiten, Wörter zu kombinieren und Sätze zu bilden.
  • Die sprachliche Entwicklung stagniert oder bereits erworbene Fähigkeiten gehen verloren.

Dabei müssen immer das Alter, die bisherige Dauer und Intensität des Kontakts mit den einzelnen Sprachen sowie die individuelle Sprachbiografie berücksichtigt werden.

Eine wichtige Besonderheit: Sprachliche Fähigkeiten können bei mehrsprachigen Kindern auf mehrere Sprachen verteilt sein. Deshalb reicht es nicht aus, ausschließlich den deutschen Wortschatz zu betrachten.

Bei einer logopädischen Diagnostik sollten möglichst alle Sprachen des Kindes berücksichtigt werden. Dazu gehören auch die Einschätzungen der Eltern und Informationen darüber, wie das Kind zu Hause kommuniziert. Bei Bedarf können Sprachmittler oder geeignete mehrsprachige Diagnostikverfahren einbezogen werden.

Wenn Sie sich Sorgen machen, sprechen Sie mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt und lassen Sie die Sprachentwicklung fachlich einschätzen.

Mehrsprachigkeit ist eine Stärke

Mehrsprachig aufzuwachsen bedeutet, mit mehreren Sprachen und Lebenswelten vertraut zu werden. Das ist eine wertvolle Möglichkeit, die Kinder nicht unter Leistungsdruck, sondern mit Freude und Selbstverständlichkeit erleben sollten.

Eltern müssen sich nicht zwischen ihrer Muttersprache und Deutsch entscheiden. Sie dürfen ihrem Kind die eigene Sprache mitgeben und gleichzeitig die Begegnung mit weiteren Sprachen ermöglichen.

Jede Sprache erzählt ein Stück Familiengeschichte, schafft Verbindung und eröffnet neue Möglichkeiten der Kommunikation.

Das Wichtigste ist nicht, wie viele Sprachen ein Kind spricht – sondern dass es Freude daran entwickelt, sich mitzuteilen, verstanden zu werden und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.

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